Die Ethik des NLP

Die Ethik des NLP

Ist NLP "wissenschaftlich"? - Ein Beitrag zur Ethik des NLP

(Sebastian K. Glas)

In der folgenden Diskussion gelangen wir zwangsläufig in den Bereich der Philosophie. Ich kann dem Interessierten nicht ersparen, sich vorher mit Unterschieden des deduktiven und induktiven Denkens und der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie auseinanderzusetzen. In diesem Rahmen gehe ich hierauf nicht ein. Ich versuche dennoch, soweit wie möglich zu vereinfachen:

Die Frage nach der "Wissenschaftlichkeit" ist eine Methodenfrage. In den Sozialwissenschaften ist sie schwieriger zu diskutieren als etwa in der Physik, bei der, vereinfacht, "nur" postuliert wird, dass ein Experiment gemäß einer Theorie später immer wieder mit gleichen Ergebnissen wiederholt werden kann.

Ist NLP wissenschaftlich? Ja und Nein.

 

 

Nein in dem Sinn, dass die Theorien, die im NLP 'Modelle' heissen, falsifizierbar sind, bzw. innerhalb des axiomatischen System NLP jemals falsifizierbar sein können. Sie können, mit anderen Worten, den Wahrheits- oder Gültigkeitswert eines NLP-Modells per Definition niemals widerlegen oder als 'falsch' beweisen.

Dies genau ist aber das Verfahren, um Hypothesen nach der naturwissenschaftlichen Erkenntnismethode zu "testen", bevor sie als gültig gelten.

Ja in dem Sinne, dass die NLP-Entwickler bei ihrer Tätigkeit systematisch und regelgeleitet vorgegangen sind, ja in dem Sinne, dass es wohlgeformte und nicht wohlgeformte Aussagen und Vorgehensweisen gibt. NLP hat also sehr wohl eine Richtung und ein implizites Wertesystem, trotz der 'formelhaftigkeit' der Methoden.

Richard Bandler sagt hierzu: "NLP is not scientific. It´s not a science, it´s a discipline." [Aufzeichnung "The genius of Richard Bandler, Advanced Seminar", NLP comprehensive]

Die Ergebnisse eines erfolgreich angewendeten NLP-Formats sind natürlich messbar. Bei der Frage, ob das Format zum Erfolg führt, kommt es aber nicht auf das Format an, sondern darauf, "wer es macht."
Bei solchen Aussagen fühlen sich die naturwissenschaftlich Denkenden natürlich unwohl. Das Subjekt, das sie versuchen aus der Versuchsanordnung und der Theoriebildung herauszuhalten ("Naturwissenschaft muss objektiv sein"), wird selbst der Erfolgsfaktor.

Bei physikalischen Experimenten darf es keine Rolle spielen, wer sie durchführt.

Innerhalb eines therapeutischen Zweier-Systems kann aber derjenige, der die Veränderungsarbeit beim anderen anstoßen und anregen will, nicht bei der Modellbildung weg-objektiviert werden.

Man muss sogar noch einen Schritt weitergehen: auch der "unsichtbare Dritte", der die beiden in ihrem therapeutischen Zweiersystem beobachtet, um davon etwa eine Beschreibung zu erstellen, ist entweder, wenn im Raum anwesend und wahrnehmar ist, Teil des Systems (dann wird es ein 3er-System), oder aber er unterliegt zumindest seiner eigenen Subjektivität darüber, welche Aspekte der Kommunikation mit welchen Worten am treffendsten zu beschreiben sind und welche von welcher Relevanz sind.

Entsprechend lehnen die NLP-Entwickler, wie Bandler, auf Empirie basierende Erkenntnismethoden -für den sozialwissenschaftlichen Bereich- ab (etwa Aussagen wie: "von 100 versuchten Rechtschreib-Installationen funktionierten 85, womit die Wirkung als erwiesen gilt" oder etwa umgekehrt.) Bandler sagt hierzu süffisant: "Es passiert selten, dass 100 Klienten in Ihre Praxis kommen, und Sie bei 15 1/2 von ihnen eine bestimmte therapeutische Technik anwenden können."

Bandler hingegen fragt, "done by whom?" Und weiter: "If it´s a pattern, then there is no statistic. I mean, how many people have eyes?"

Mit anderen Worten: Man solle nach Mustern suchen und wenn man ein Muster gefunden und richtig beschrieben hat, dann wird dieses auch immer funktionieren, eben so, wie die genetische Anlagen dazu führen, dass der Mensch "Augen" ausprägt. Quantitative Fragen über die "Augenhäufigkeit" beim Menschen sind absurd. [Bandler spielt hier gleichzeitig mit der Metapher, nicht blind zu sein, und doch das offensichtliche zu sehen.]

Die NLP Begründer haben also ihre eigene wissenschaftstheoretische Ethik eingeführt und verwenden eine andere Erkenntnismethode als die Psychologie, die sich an den Naturwissenschaften anlehnt. Deshalb ist ihre Vorgehensweise nach klassischen Kriterien "nicht wissenschaftlich."

Im Gegensatz zur naturwissenschaftlichen Methode betonen sie den Unterschied zwischen Modell und Theorie: Als NLP´ler bauen sie, so Bandler, immer nur Modelle, und diese Modelle sind nie "richtig" oder "wahr" oder "identisch mit der Wirklichkeit." Es kommt, so Bandler, immer nur auf die Nützlichkeit oder Angemessenheit eines Modells an und darauf, ob es dem Menschen zum Lernen und Wachsen verhilft.

Bei Modellen aus anderen Wissensgebieten, wie der Meteorologie, ist dies einfacher zu verstehen. Niemand würde auf die Idee kommen, ein Wettervorhersage-Modell als "widerlegt" anzusehen, wenn eine Vorhersage nicht stimmt, oder Versuche unternehmen, es zu widerlegen. Es ist offensichtlich, dass es eine vereinfachte Version der Wirklichkeit ist, eine Abbildung, bei der praktische Erwägungen im Vordergrund stehen. Wenn das Modell schlechte Wettervorhersagen auswirft, ist es eben ein nicht besonders gut funktionierendes Modell.
Um das Beispiel noch extremer zu formulieren:

Nehmen wir an, in 50 Jahren wären die Computer, die die Wettervorhersagen mittels eines meteorologischen Wetter-Modells erzeugen, in der Lage, dank künstlicher Intelligenz "einfach zu denken und zu sprechen". Nehmen wir weiter an, wir würden drei künstlich intelligente Meteorologie-Computer zusammenschalten, damit diese sich "unterhalten" könnten. Diese fingen dann vielleicht an, sich darüber zu unterhalten, wer das bessere oder wahrere Modell des Wetters hat. Uns Menschen wäre klar, dass keiner der Dreien das einzig wahre oder richtige Modell hat, sondern dass alle nur Ausschnitte und transformierte Abbildungen der Wirklichkeit repräsentieren.

Das Postulat, dass Erkenntnisse relativ zum Modell des Sprechers zu sein haben und keine Beschreibungen einer objektiven Wirklichkeit sind, wenden Bandler und Co. nun nicht nur auf sie selbst als forschend Tätige "Modell-Bauer" (modeler) an, sondern auch auf die Klienten im therapeutischen Kontext. Hieraus ergibt sich -innerhalb dieses axiomatischen Rahmens- folgende Selbstähnlichkeit:

Genausowenig, wie NLP-Submodalitäten (ein NLP-Konzept) innerhalb Bandler´s axiomatischen Rahmens des NLP "real" oder "wirklich" oder "wissenschaftlich beweisbar" sind (und auch nicht sein wollen),
ist die Aussage des Klienten mit einer Brücken-Angst (Phobie) real oder "empirisch richtig", "alle Brücken seien gefährlich" (so real es ihm auch vorkommen mag).
Damit wird deutlich, welchen Sinn dieser gedankliche Kunstgriff hat, für eine theoretisch wie auch praktisch widerspruchsfreie Veränderungsarbeit:

Der Psychologe mit der naturwissenschaftlichen Form der, wie ich es nenne, "absoluten Modellbildung", verfügt über die Fiktion einer objektiven Wirklichkeit, innerhalb derer die Aussage "Die meisten Brücken in unserem öffentlichen Leben sind sehrwohl ziemlich sicher"  wahr ist (was natürlich die allermeisten von uns, zumindest in Deutschland, ebenfalls annehmen.)
Dennoch: Der Klient mit der Brücken-Phobie hat also unrecht, er liegt falsch, seine Aussage ist unwahr und sie beschreibt die Wirklichkeit nicht angemessen.  Der Therapeut muss ihn also von der falschen Wirklichkeitswahrnehmung zur [einzig] Richtigen bringen, auch wenn der Klient von seinem Gehirn immer etwas anderes gesagt bekommt.
Der Klient müsse, so die Ansicht, dazu gebracht werden, bewusst zu verstehen, dass die Wirklichkeit anders liegt.

Anders aber innerhalb des axiomatischen Rahmens des NLP, der, wie ich es nenne, "relativen Modellbildung":
Natürlich wissen NLP-Therapeut und der Klient, dass nicht jeden Tag überall Brücken einstürzen (oder, bei einer Flugzeug-Phobie, dass nur wenige Flugzeuge wirklich abstürzen).
Der Therapeut weiß aber auch, dass dieses abstrakte Wissen dem Klienten überhaupt nicht hilft. Er kann ihn nicht mit rationalen oder empirischen Argumenten überzeugen. Hingegen kann er sich darauf konzentrieren, den Klienten zunächst darin zu bestätigen, dass in seinem Modell der Welt diese Aussage real ist und für ihn zutreffend. Die Angst-Reaktion kann sogar in dem Sinn nützlich sein, dass sein Unbewusstes ihn vor möglichen Gefahren schützen möchte. Der Therapeut kann den Klienten bestätigen, dass er 'innerhalb seines Modells der Welt die bestmögliche Wahl trifft' (ein NLP-Axiom).

Der Klient wird gerade nicht, analog dem medizinischen Modell, pathologisiert oder sein Verhalten als "Störung", "Krankheit" oder "Abweichung von einem Soll-Zustand" beschrieben.

Dies ist der humanistische Beitrag des NLP zur Veränderungsarbeit generell und zum Umgang mit Menschen, die im weitesten Sinne "psychisch abweichend funktionieren." Dies ist die Essenz der NLP-Ethik zur Veränderungsarbeit.

Der Klient, dessen Modell der Wirklichkeit 'unpraktisch' ist, ist im NLP-Sinne gerade nicht "krank". Er hat gelernt (oder noch 'nicht' gelernt), bestimmtes Verhalten in bestimmten Kontexten hervorzubringen.

Der Therapeut ist im Weiteren davon entbunden, die "echte Wirklichkeit" oder die wahre Natur der Dinge zu kennen und den Klienten zu einer bestimmten Soll-Erkenntnis zu führen. Er wird vielmehr gemeinsam mit ihm herausfinden, auf welche bewunderswerte und zuverlässige Weise sein Gehirn jedesmal eine bestimmte Reaktion zeigt und wie faszinierend seine Lernfähigkeit hierfür war und ist.

Das unerwünschte Verhalten wird zu einer Lern-Leistung des Gehirns umgedeutet. Im weiteren kann die eigentliche Veränderungsarbeit beginnen. Das vermeintlich wichtige Bezugssystem der Metapher "Wirklichkeit" und der Widerspruch zwischen "empirischer Brücken-Sicherheit versus Angst des Klienten" spielt eine ziemlich geringe Rolle.

Der gut ausgebildete Therapeut wird sich im Gegenteil davon überzeugen, dass der Klient nicht grundsätzlich total furchtlos vor allen Brücken aus der Therapie entlassen wird, denn es wird Kontexte geben, in denen es tatsächlich angemessen ist, eine Brücke gefährlich zu finden, etwa, wenn er einmal eine Expedition im Dschungel macht. 
Dieses Beispiel ist natürlich vereinfachend und pauschalisierend. Effektive Therapeuten leisten gute Arbeit, unabhängig von der der Psychologie zugrundeliegenden wissenschaftlichen Erkenntnismethode.

Wenn Sie es jedoch genau nehmen, und das müssen wir bei der Frage nach der Wissenschaftlichkeit tun, müssen Sie diese methodischen Unterschiede herausarbeiten.

Die beiden Äste zwischen "NLP" und "Psychologie", obwohl beide einen ähnlichen Forschungsgegenstand haben, trennen sich ganz weit unten an der Wurzel des Baums, nämlich bereits an der axiomatischen Basis der Erkenntis-Methode.

Ich muss zugeben, dass ich mir die Mühe gemacht habe, einen Großteil der angegebenen Literatur in den NLP-Basiswerken tatsächlich zu lesen. Das ist mühsam, aber dafür bin ich gut informiert.

Seien Sie anspruchsvoll und kritisch und glauben Sie Meinungen erst dann, wenn Sie alle Originale gelesen haben und -wenn möglich- den Autoren selbst zugehört haben. Das ist anstrengend, aber der Preis für eine eigene Meinung.

Wissenschaftstheorie an der Uni

Es ist bitter. Offenbar kennen selbst die Wissenschaftler die erkenntnistheoretischen Grundprobleme der Sozialwissenschaften nicht richtig:

Als Linguistik-Student hatte ich als Nebenfach "Kommunikationswissenschaft". Dies ist ein etwas, freundlich formuliert, junges und unvorbelastetes Wissensgebiet. Ich fragte den Professor der Einführungsveranstaltung nach dem Unterschied zwischen Modell und Theorie. Er meinte nur: "Das ist ungefähr dasselbe." Damit hatte es sich für mich erledigt.

Zur journalistischen Kritik

Es gibt kritische Veröffentlichungen zum NLP. Viele davon wurden verfasst von Journalisten. Zunächst: Ich bin der gleichen Meinung wie Karl Popper, dass jede Theorie (bzw. im NLP jedes 'Modell') kritisierbar sein muss. Aber man muss hierfür auch ein paar Regeln beachten.

Ich spreche jedem die Berechtigung zu, die NLP Methodik zu kritisieren, wenn er sie vollständig verstanden hat und über die wesentlichen Elemente korrekt informiert ist. Dies ist leider bei vielen Kritikern nicht der Fall. Wenn Sie NLP kritisieren wollen, benutzen Sie eine exakte Sprache, die die Konzepte, die Sie angreifen wollen, richtig und klar benennt. Das setzt, wie gesagt, voraus, dass sie die Konzepte kennen, benennen und abgrenzen können und richtig verstehen.

Kritisierbar sind natürlich die Wissensträger oder NLP-Anwender, aber dies ist etwas anderes.

Ich will nicht behaupten, dass Journalisten grundsätzlich oberflächlich oder falsch-selektiv berichten oder sich nicht richtig einlesen. Allerdings setzt die Fähigkeit, Kritik zu üben, Kenntnisse über die zu kritisierende Materie voraus. Und die Autoren kritischer Artikel über NLP sind oft schlecht informiert --etwas, das keinem Journalisten passieren sollte.